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AfD und Fake News

Pandoras Büchse ist hier ohne Frage geöffnet worden, und Zensur kann nicht die Antwort sein. Der Asta, der Avenidas übermalt haben will, schlägt für eine Neubepinselung eine Art Ausschreibung vor, mit folgendem Anspruch: „Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassisistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert.“
Die Frage ist berechtigt, was diesen Kriterien noch entsprechen kann, vor allem, wenn die Deutungshoheit im „Bauchgefühl“ des Betrachters liegt. Das kann niemand für richtig halten.

Wie sooft liegt die Lösung wahrscheinlich im Graubereich dazwischen: Werke zu hinterfragen oder einfach mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, kann neue Erkenntnisse bringen. Im Falle von Avenidas auch solche, die weder der Autor noch die Kritikerwelt bisher gesehen haben. Das ist letztlich Interpretationsfreiheit. Und man kann sich schon fragen, ob es an einer Hochschule, in der hauptsächlich Frauen lernen, dieses Gedicht braucht? Warum wurde es ausgewählt, gab es keins, das mehr Bezug zu den Studierenden herstellt, als sie zu bewundern?
Doch eben das ist Kunst ja auch: Wenn sie erstmal da draußen ist, hat man keinen Einfluss mehr darauf, was aus ihr gemacht wird. Und darin liegt auch eine ungeheure Kraft.

Der von Ihnen angesprochene Generationsunterschied gibt mir in vielen Bereichen zu denken, ich finde, da haben Sie ein Kernproblem unserer Gesellschaft formuliert. Wenn man verfolgt, mit welcher Schnelligkeit und Vehemenz Aussagen auseinandergerissen werden, Personen des öffentlichen Lebens aufs Schärfste kritisiert und verurteilt, bevor die Faktenlage geklärt und von dafür ausgebildeten Experten eingeordnet wurden. Und selbst, wenn es dann zu einer Klärung kommt, ist die Wahrnehmung der entscheidene Faktor. Wie sagte Obama kürzlich: you’re entitled to your own opinion, but you are not entitled to your own facts.

Erstaunlich, wie sehr viele ältere Menschen auf diese Vereinfachung der kompliziert gewordenen Welt anspringen – ebenso aber auch sehr viele noch junge Menschen. In beiden Generationen äußert sich diese Begeisterung sehr unterschiedlich, die einen sitzen in Bierzelten und stehen bei Kundgebungen, die anderen gruppieren sich digital.

Aber wie damit umgehen, dass neue Fakten schaffen, nur aus Bauchgefühlen und eigenen Wahrnehmungen heraus zu bewerten so populär geworden ist ? Gilt es nicht Brücken zu bauen, Aufklärung zu leisten, Gemeinsamkeiten zu finden – bestimmt, aber wie?

Wie umgehen mit der AfD?

Nehmen wir beispielsweise die aktuellen Reaktion auf Anträge der AfD im Bundestag. Da gab es auf der einen Seite leidenschaftliche Wutreden wie die von Cem Özedemir
http://www.spiegel.de/video/fall-deniz-yuecel-cem-oezdemir-knoepft-sich-afd-vor-video-99013600.html
gemäßigtere Reaktionen, wenn auch nicht weniger scharf, wie die von Wolfgang Kubicki
http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-02/wolfgang-kubicki-fdp-afd-gesellschaftskritik

Interessant auch, wie parteiübergreifend die Kritik ausfällt, sogar von der CSU
https://www.welt.de/politik/deutschland/article173881424/Bundestag-Der-juengste-CDU-Abgeordnete-nimmt-den-AfD-Antrag-auseinander.html

und, mein Favorit, sogar mit Humor, von der SPD
http://www.spiegel.de/video/bundestag-spd-abgeordnete-haelt-rede-auf-plattdeutsch-video-99013736.html

Das alles macht Spaß und gibt Hoffnung, dass Politik wieder lebendig wird. Und doch ist es eine Verrohung, ein horrender Verlust an Grundwerten, dass diese Art der Reaktionen überhaupt notwendig geworden sind. Es schleicht sich eine Umgangsweise, eine Haltung ein, diezu einer Dehumanisierung des Menschen führt, bei der ein Mensch nicht mehr als etwas betrachtet wird, dem man mit Respekt begegnen muss.
Wie sooft in solchen Fällen bin ich dankbar für jeden Intellektuellen, der sich äußert. Doch aktuell gibt es kaum einen kühlen Kopf, so scheint es.
Die einen verweigern den Dialog, denn wenn man mit Rassisten anfängt zu diskutieren, legitimiere man ihre Aussagen, und es gelte umso mehr, heute Haltung und Stellung zu beziehen. Die anderen, wie ganz aktuell Uwe Tellkamp, bringen eine eher überraschende Meinung mit an den Tisch und machen es umso schwerer, diese richtig einzuordnen.
https://www.tagesspiegel.de/kultur/umstrittene-aeusserungen-zur-fluechtlingspolitik-suhrkamp-verlag-distanziert-sich-von-autor-tellkamp/21052746.html

Ich frage mich, wie Sie dazu stehen.
Herzliche Grüße
Jenny