Deprecated: Function create_function() is deprecated in /www/htdocs/w01393de/viertelmillion.de/html/kirby/toolkit/lib/html.php on line 105
Causa Gomringer

Liebe Jenny,

„Ach, was muss man oft von bösen / Buben hören oder lesen, / wie zum Beispiel hier von diese[m]“, welcher Eugen Gomringer heißt. So oder so ähnlich mag die Melodie geklungen haben, die die Gefühle und Gedanken derer produziert haben, die die Übertünchung des diskriminierten Gedichts von Eugen Gomringer an einer Wand der Alice Salomon Hochschule gefordert haben. Erhoben wurde diese Forderung zuerst in einem Brief des Asta, der verbindliche Beschluss ergab sich aus einem Online-Votum des Akademischen Senates. Zunächst kritisierte man, dass das Gedicht an sexuelle Belästigung erinnere, an sexualisierende und potentiell übergriffige Blicke, später begründete man die Forderung nach Entfernung mit dem sexistischen Inhalt des Gedichts.

Zur Erinnerung: Das Gedicht, entstanden 1951, veröffentlicht 1953, gilt als Beispiel für Konkrete Poesie. Der Autor imaginiert drei Realien – „avenidas“, „flores“, „mujeres“, also Alleen, Blumen, Frauen -, die miteinander verbunden werden; es gibt weder Adjektive noch Verben. Abschließend fügt er einen Beobachter hinzu – „y / un admirador“, also und / einen Bewunderer. Dieses Nomen agentis ist aus einem Verb abgeleitet: admirar, also bewundern. Im Duden (Stilwörterbuch) wird bewundern wie folgt erläutert: staunend anerkennen, mit Hochachtung ansehen; im Wahrig (Deutsches Wörterbuch): anerkennend bestaunen, verehrend aufsehen; diese Blickrichtung gilt auch für das Spanische und andere romanische Sprachen. Der Vorwurf, dass die Frauen, neben Alleen und Blumen gestellt, hier zum Objekt erniedrigt würden, dass sich hier männliches Dominanzstreben artikuliere, scheint mir nicht haltbar; denn er passt nicht zu der über die Blickrichtung vermittelte Haltung. Bewunderung lösen die erwähnten Realien insofern aus, als sie Schönheit repräsentieren, die Staunen und Verehrung auslöst. Um Respekt und Wertschätzung zentriert, begründet diese Einstellung eine Trennung der ästhetischen Sphäre von der empirischen Wirklichkeit, darüber hinaus die relative Autonomie des Kunstwerks.

Der Kategorie der ästhetischen Autonomie setzen die Studentinnen und Studenten der betroffenen Hochschule sowie die Teilnehmer an der einschlägigen Abstimmung und Träger des besagten Beschlusses eine Position der Entdifferenzierung entgegen, die zwischen ästhetischer Sphäre und Alltagspraxis nicht unterscheidet. Dabei wird die Mehrdeutigkeit der literarischen Sprache zugunsten der Alltagssprache planiert; das für Interpretationen offene Werk wird unter ideologisch einwandfreie und alltagssprachlich normierte, eindimensionale Setzung subsumiert. Hier wütet der subkulturelle Kontext der #MeToo-Bewegung; die „gierige Banausie“ (Adorno) reitet Attack und will auf diesem schwankenden Grund eine Zensur begründen, die die Freiheit der Kunst liquidiert. Bravo!

Wie konnte es dazu kommen? Wohl kaum dadurch, dass ein „weiblicher“ Blick einen „männlichen“ attackiert. Wirksamer als eine aus den Geschlechterverhältnissen resultierende Opposition scheint mir eine Ableitung aus dem Generationsunterschied zu sein, vor allem unter dem Aspekt der literarischen Bildung, konkret aus einer defizitären ästhetischen Erziehung, und einem Mangel an kultureller Vertrautheit.

Ihr Wilfried Grauert